Der Ursprung des Misserfolgs

Bevor wir uns dem Ursprung des Misserfolgs zuwenden, frage ich: Was ist Erfolg? Erfolg hat häufig, gerade im Business, mit Geld zu tun. Das muss aber gar nicht sein. Erfolg kann sich durchaus auch um das persönliche Leben drehen, um Beziehungen, beispielsweise zu Freunden, zu Nachbarn oder um die große Liebe.

Oft erleben wir auch die Anerkennung und Wertschätzung anderer als Erfolg. Eine Gemeinsamkeit allen Erfolges ist die Zufriedenheit. Die persönliche Zufriedenheit bei persönlichem Erfolg. Die gemeinschaftliche Zufriedenheit bei gemeinschaftlichem Erfolg.

Als Erfolg betrachten wir, wenn wir das, was wir erreichen wollen auch erreicht haben. Und wenn wir das, was wir wollen, nicht erreichen, nennen wir das Misserfolg. 

Was aber ist der Ursprung des Misserfolgs? 

Im persönlichen Leben liegt es manchmal daran, dass man nicht so handelt, wie man handeln sollte. In Liebes-Beziehungen, dass einer lügt, nicht treu ist, den anderen dann doch nicht mag. Unter Freunden, dass der eine den anderen enttäuscht. Unter Nachbarn, dass der eine zu laut ist. Im Business, dass Termine oder die vereinbarte Qualität nicht eingehalten werden, dass der Wettbewerb schneller war, dass man falsche Entscheidungen getroffen hat.

Auch wenn das hier nur ein kleiner Ausschnitt der „Gründe“ für Misserfolge ist, haben sie alle eine Gemeinsamkeit, einen gemeinsamen Nenner. 

Misserfolg hat tatsächlich nur einen einzigen Ursprung:

Da dieser Ursprung kein einfacher Ursache – Wirkung Mechanismus ist, tasten wir uns mit einem verständnisfördernden Umweg an diesen einen Ursprung heran.

Der Umweg ist ein Aspekt des von mir entwickelten Zirkuszelt-Modells. Besser gesagt, es geht um eines der Requisiten des Zirkuszeltes. Das Zirkuszelt selbst steht für das menschliche Gehirn. Das Requisit um das es hier geht, ist eine Pflanze. Eine Topfpflanze. Sie kann bis zu einem Meter groß werden. Diese Pflanze steht für das Vertrauen.

Ist Ihre „Vertrauenspflanze“ in Ihrem Zirkuszelt, wenn Sie an mich denken, bei 80 Zentimetern, ist in diesem Modell Ihr Vertrauen mir gegenüber bei 80 Prozent. Schauen Sie sich, wenn Sie an mich denken, Ihre „Vertrauenspflanze“ an und sehen vor ihrem geistigen Auge nur einen leeren Topf, haben Sie kein Vertrauen zu mir.

Nehmen wir, weil wir das mit dem Misserfolg klären wollen an, Ihre „Vertrauenspflanze“ sei in Bezug auf mich 60 Zentimeter hoch.

Nun vereinbaren Sie und ich ein Treffen. Sagen wir, wir treffen uns morgen um 12.00 Uhr am Bahnhof. Sie sind natürlich pünktlich. Ich hingegen erscheine nicht und bin auch nicht zu erreichen. Was glauben Sie, wird mit Ihrer Pflanze des Vertrauens geschehen? Weit mehr als 80 Prozent der Menschen, mit denen ich zu tun habe, antworten auf diese Frage, sie würde kleiner. Bei manchem ist die Pflanze in diesem Beispiel allerdings bereits eingegangen.

Nehmen wir mal an, ich würde mich am Abend des Tages unserer durch mich gescheiterten Verabredung bei Ihnen melden. Ich böte Ihnen eine glaubwürdige Erklärung für mein Nichterscheinen an und Ihre Pflanze wäre nun bei 40 Zentimeter. Wir verabreden uns für den Folgetag erneut am Bahnhof. Es ist wie beim letzten Mal. Sie sind da. Ich bin nicht da. Daraufhin wird Ihre Pflanze weiter schrumpfen. Wie weit? Das können nur Sie sagen.

Zwischenfrage: Wie oft, glauben Sie, muss ich pünktlich zu einer Verabredung mit Ihnen – vorausgesetzt Sie brechen den Kontakt zu mir nicht vollständig ab – erscheinen, damit Ihre Pflanze, wenn Sie an mich denken, wieder die ursprüngliche Höhe von 60 Zentimetern erreicht?

Ein Mal? Zwei Mal? Wohl eher nicht.

Experimente zeigen, dass das Verhältnis zwischen der Reduzierung und dem Zuwachs von Vertrauen nicht 1 : 1 ist. Natürlich nicht. Das spüren Sie selbst.

Experimente zeigen, dass das Verhältnis zwischen der Reduzierung und dem Zuwachs von Vertrauen etwa 5 bis 7 : 1 beträgt. Dieses Verhältnis kann auch noch größer sein. Das ist individuell unterschiedlich.

Noch eine Zwischenfrage: Können Sie bewusst darüber entscheiden, ob Sie mir vertrauen oder nicht? Wahrscheinlich wird es Ihnen so gehen wie uns allen. Wir können nicht bewusst festlegen wie hoch oder niedrig unser Vertrauen gegenüber einer anderen Person oder Sache ist. 

Falls Sie mir nicht vertrauen sollten, sich aber bewusst dafür entscheiden wollten (falls Sie es überhaupt könnten) mir zu vertrauen, würde Ihr Unbewusstes (im Zirkuszelt-Modell ist das ein Urmensch der vor rund fünfhunderttausend Jahren lebte und uns im wahrsten Sinne des Worte maßgeblich beeinflusst) alles daran setzen, dass Sie sich derart schlecht fühlen, dass Sie das mit dem unbegründetem Vertrauen mir gegenüber dann doch lieber lassen werden.

Wir können nicht bewusst entscheiden, ob und wem wir in wie weit vertrauen. Die Entscheidung hierüber obliegt unserem Urmenschen, also unserem Unbewussten.

Nun kommen wir zum Kern:

Wenn wir Vereinbarungen treffen – so wie wir, als wir uns für ein Treffen am Bahnhof verabredeten – entsteht in uns eine Erwartung. Es entsteht die Erwartung, dass der andere das tut, was er angekündigt, bzw. mit Ihnen vereinbart hat. 

Ob und in wie weit wir diese Erwartung tatsächlich hegen ist ebenfalls etwas, was unser Urmensch entscheidet. 

Und das ist der Ursprung für Misserfolg: Nicht erfüllte Erwartungen! 

Nicht erfüllte Erwartungen führen dazu, dass unsere „Vertrauenspflanze“ kleiner wird oder gar verschwindet. 

Dabei ist es gleich, ob es sich um das Selbstvertrauen, das Vertrauen in das Leben, das Vertrauen in die Gesellschaft oder das Vertrauen zu Kollegen, Vorgesetzten oder zum Arbeitgeber handelt. Die Wirkung ist stets ein und die Selbe. Das Vertrauen zu dem, was gerade im Fokus steht, sinkt, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Ebenso sinkt unsere Sympathie gegenüber Menschen und Sachen, denen wird nicht vertrauen.

In der Folge wird unsere Motivation gering sein, uns für den oder die im Fokus stehenden Menschen oder die Sache zu engagieren. Da mit sinkendem Engagement auch unsere Zuverlässigkeit nachlässt, wird das auch das Vertrauen der anderen in uns schwächen. Ein Teufelskreis. So wird der Erfolg, wie eigentlich erwartet und erhofft, nicht eintreten können.

Deshalb ist Vertrauen die Voraussetzung für Erfolg.

Deshalb ist geringes oder gar kein Vertrauen die Garantie für Misserfolg!

Bitte beachten Sie zusätzlich zwei Punkte: 

1. Wenn ich Vertrauen schreibe, meine ich kein blindes, sondern begründetes Vertrauen.

2. Die Mehrzahl unserer Erwartungen sind uns nicht bewusst. Um das zu verdeutlichen, lade ich Sie zu einem kleinen Experiment ein. „Ich hätte gern einen Kaffee mit Milch und Salz!“ Befänden Sie sich aktuell in einem Hirnscanner, könnte man wahrscheinlich sehen, dass das Wort „Salz“ nicht von Ihnen erwartet wurde. So ist es mit den allermeisten unserer Erwartungen. Sie sind uns unbewusst. Oder erwarten Sie, dass dieser Text ab nun in chinesisch weitergeht? Falls nicht, war Ihnen unbewusst, dass Sie erwarteten, dass dieser Text in deutsch weitergeht.

Um die Zusammenhänge griffiger zu machen, betrachten wir die Beispiele vom Anfang dieses Textes:

Einige Menschen erreichen in ihrem Leben nicht das, was sie erreichen können und wollen. Das ist meiner Erfahrung nach oft deshalb so, weil sie dazu tendieren, unrealistische Vereinbarungen mit sich selbst zu treffen. Diese unrealistischen Vereinbarungen mit sich selbst führen natürlich zu ebenso unrealistischen Erwartungen gegenüber sich selbst. Sie nehmen sich immer wieder etwas vor, was sie nicht umsetzten. So wird beispielsweise zu Silvester gesagt: „Im kommenden Jahr werde ich abnehmen. Ich nutze dazu eine bestimmte Ernährung und treibe Sport.“  Bereits nach überschaubarer Zeit stellt sich jedoch heraus, dass sie weder das mit der Ernährung noch mit dem Sport durchgehalten, vielleicht sogar gar nicht begonnen haben. Und das Gewicht hat sich natürlich auch nicht reduziert.

Wie will man, wenn man so mit sich selbst umgeht, sich selbst vertrauen können? Wie kann man, wenn man sich selbst nicht vertraut, erfolgreich sein?

Anmerkung: Wir müssen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl differenzieren. Denn ich kenne recht viele Leute, die sich selbst nicht vertrauen können aber sich für außergewöhnlich wertvoll halten. Von denen kenne ich wiederum zwei Kategorien. Die einen reagieren empfindlich auf Kritik. Sie fühlen sich schnell beleidigt und verlieren bei ihren Reaktionen auf Kritik schnell ein gesundes Maß. Das ist natürlich, da sie eigentlich selbst wissen, dass ihr Ausdruck eines hohen Selbstwertes auf tönernen Füßen steht und sie sich damit eigentlich nur lächerlich machen können. 

Die anderen sind teflonbeschichtet. Sie haben über die Spanne ihres Lebens eine Strategie entwickelt, die sie jegliche Kritik als ungerechtfertigt deuten und diese somit gar nicht an sie herankommen lässt.

In Liebesbeziehungen bestehen, wie in allen anderen Beziehungen, ebenfalls Erwartungen. Diese Erwartungen können bewusst sein und ausgesprochen werden. Dann sind sie auch dem Partner bewusst und er kann, wenn er will, sich darauf einstellen. Sie können bewusst sein und unausgesprochen bleiben. Dann bleiben sie dem Partner unbewusst und er kann nicht entsprechend handeln. Andere Erwartungen sind einem selbst nicht bewusst. Sie können deshalb nicht ausgesprochen werden und sind somit dem Partner ebenfalls nicht bewusst. Welche Erwartungen es auch sein mögen. Ob es sich um Treue, Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit oder was auch immer handelt. Werden die Erwartungen, ob berechtigt oder nicht, nicht erfüllt, sind die Erfolgsaussichten für die Beziehung nicht so hoch, als würden sie erfüllt. 

Bei Freundschaften ist es ebenso. 

Bei Nachbarschaften ist es nicht anders. Wer erwartet schon, dass der Nachbar die ganze Nacht Lärm macht, dass er nicht grüßt oder unfreundlich ist? Wir erwarten eher Respekt, Rücksicht und Freundlichkeit. Eine Nachbarschaft wird nicht sonderlich erfolgreich sein können, wenn die Erwartungen nach Respekt, Rücksicht und Freundlichkeit unerfüllt bleiben.

Wer im Business erwartet, dass die Vereinbarungen mit Mitarbeitern, Vorgesetzten, Lieferanten oder Kunden nicht eingehalten werden?

Aufgrund des Zusammenhanges von Erwartungen, Vertrauen und Erfolg ist es gerade in der Mitarbeiterführung wichtig, Mitarbeitern nichts zu versprechen, was man nicht halten kann. Auch sollten auf anderen Wegen keine unerfüllbaren Erwartungen geweckt werden. Ebenso wichtig ist allerdings auch herauszufinden, wer welche Erwartungen an wen in sich trägt, um nicht erfüllbare Erwartungen auflösen und gegen erfüllbare Erwartungen austauschen zu können.

Sympathie und Vertrauen gehen Hand in Hand.

Bitte erwarten Sie deshalb auch nicht zu viel von mir, dem Autor dieses Textes. Glauben Sie nicht einfach das, was ich hier schreibe. Vertrauen Sie mir nicht einfach. Seien Sie kritisch. Überprüfen Sie, ob das, was ich hier schreibe, auch in Ihrem Leben gilt.

Betrachten Sie dazu beispielsweise erfolglose Menschen oder Unternehmen. Vergleichen Sie sie mit den erfolgreichen. Bitte behalten Sie dabei, wie auch sonst immer, die Pareto-Regel (80/20) im Hinterkopf. Denn es gibt in unserer komplexen Welt fast nichts, was immer so oder so ist. 100 Prozent gibt es nur bei einfachen Ursache – Wirkungszusammenhängen. Bei sogenannte Kausalitäten. 100 Prozent gibt es nicht bei Menschen und erst recht nicht bei Gemeinschaften; denn dafür ist allein der einzelne Mensch schon viel zu komplex.

Vergleichen Sie auch Volkswirtschaften. Welche Länder sind sozial wie auch wirtschaftlich erfolgreicher? Solche in denen die Bürger sich vertrauen können, z.B. weil sie sich zuverlässig verhalten oder solche, in denen auf das, was andere erwarten, weniger großen Wert gelegt wird?

Bitte beachten Sie zusätzlich folgende Wechselwirkung: 

Der auf nicht erfüllte Erwartungen folgende Misserfolg ist nicht kausal sondern systemisch und prinzipbedingt. 

Der Zusammenhang von Erwartungen, Vertrauen und Misserfolg ist nicht kausal, weil jeder Mensch individuelle Erwartungen hegt und die Vertrauenspflanzen unterschiedlicher Menschen unterschiedlich robust, bzw. empfindlich sind. Hinzu kommt, dass unsere Wahrnehmung weder etwas mit Wahrheit noch mit Genauigkeit zu tun hat, sondern ebenso individuell ist wie unsere Überzeugungen und Erwartungen.

Deshalb ist der Zusammenhang von Erwartungen, Vertrauen und Misserfolg systemisch oder anders gesagt, wechselwirkig.

Prinzipbedingt ist er deshalb, weil 

  1. in unseren Gehirnen stets bewusste und unbewusste Erwartungen vorhanden sind,
  2. das eigene Verhalten oder das wahrgenommene Verhalten anderer diese erfüllt oder nicht erfüllt und 
  3. dieses erfüllen oder nicht erfüllen von Erwartungen zu Vertrauen oder Misstrauen führen.
  4. Vertrauen führt zu Sympathie. Misstrauen nicht.
  5. Entsprechend dieser Sympathie fällt unser Engagement für oder gegen einen Menschen, für oder gegen eine Sache aus. 

Das hier Dargestellte dreht sich zwar „nur“ um die Wechselwirkungen von Erwartungen, Vertrauen, Sympathie und Erfolg – aber diese Wechselwirkungen sind für Mensch, Unternehmen und Gesellschaft entscheidend. 

Erwartungen und Vertrauen bilden sich unbewusst im Gehirn. Erfolg ist das, was man messen und spüren kann. Da man die Prozesse in den Gehirnen der Menschen nicht sehen kann, ebensowenig wie die Größe ihrer „Vertrauenspflanzen“ ist es für Menschen – seien es Privatleute, Führungskräfte oder Politiker – , denen die hier dargestellten Zusammenhänge nicht bewusst sind, naturbedingt unklar, dass bestimmte Konstellationen prinzipbedingt nicht erfolgreich sein können.

In den Medien höre ich beispielsweise: 

Die Bereitschaft zum Einhalten von Regeln nimmt in der Bevölkerung ab!

Die Aggression im öffentlichen Raum nimmt zu! 

Dabei ist es übrigens unerheblich, ob das tatsächlich so ist oder nicht. Es genügt, wenn es so erlebt wird. Denn, wenn es so erlebt wird, werden Erwartungen nicht erfüllt. Wie wird sich das wohl auf das gegenseitige Vertrauen auswirken? Wie auf den gesellschaftlichen Erfolg?

Aber bitte stecken Sie nun nicht den Kopf in den Sand, wenn Sie an unsere Gesellschaft oder Ihren Arbeitsplatz denken.

Wie heißt es im kölschen Grundgesetz? Et hätt noch immer jot jejange!

Den Zusammenhang von erfüllten Erwartungen, Vertrauen und Erfolg fasse ich abschließend zusammen:

  • Berechtigtes Vertrauen ist die Voraussetzung für Erfolg.
  • Berechtigtes Vertrauen entsteht, wenn Erwartungen erfüllt werden.
  • Misstrauen entsteht, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden.
  • Misserfolg entsteht durch Misstrauen.

Oder: Kein Vertrauen = kein Erfolg. Dabei ist es egal, ob es um einen einzelnen Menschen, um ein Team, um ein Unternehmen oder um die Gesellschaft geht.

Dieser Text basiert nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen sondern auf persönlichen Beobachtungen, Erfahrung und Schlussfolgerungen.

Dem Autor ist bewusst, dass er die Zusammenhänge weiter differenzieren, bisher Ausgeschlossenes einbeziehen und weitere Zusammenhänge herstellen könnte.